Die Idee
Auf der Grenze arbeiten
„Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“ Der Satz steht bei Paul Tillich nicht als Trost, sondern als Arbeitsanweisung. Er beschreibt einen Ort, an dem zwei Seiten aneinanderstoßen — Religion und Kultur, Glaube und Zweifel, Theologie und Politik — und an dem gerade deshalb etwas zu lernen ist. Diese Seite nimmt das ernst: Sie stellt Material bereit, an dem sich diese Grenze abarbeiten lässt, und nicht ein Referat über einen Theologen.
Deshalb steht das Hören vor dem Lesen. Es gibt Originalaufnahmen — Tillichs Stimme, seine Pausen, sein Akzent, sein Ringen um einen Satz. Wer diese Aufnahmen gehört hat, liest die Texte anders. Die Aufnahmen sind in Kapitel gegliedert, damit man sie im Seminar an einer bestimmten Stelle aufschlagen kann wie ein Buch. Jede Aufnahme trägt ihre Herkunft, ihre Laufzeit und ihre Rechtelage sichtbar mit sich.
Die schweren Themen sind nicht ausgespart. Tillichs Haltung zur Judenfrage, seine Emigration, sein Verhältnis zu Macht und Rassismus, die Brüche in seiner Biografie — das gehört in die Module hinein, nicht in eine Fußnote. Eine Lernplattform, die nur das Anschlussfähige zeigt, verfehlt den Gegenstand. Die Aufgaben dazu sind Arbeitsaufträge zum Mitdenken, keine Prüfung: keine richtige Antwort, keine Auswertung, kein Punktestand.
Und zu jedem Modul steht, wer es gemacht hat. Mehrere Module sind im Rahmen von Abschlussarbeiten Studierender entstanden. Die Autorschaft gehört sichtbar dazu — das ist keine Höflichkeit, sondern eine Frage wissenschaftlicher Redlichkeit. Wer mit dem Material weiterarbeitet, soll wissen, woher es stammt, wann es zuletzt bearbeitet wurde und unter welchen Bedingungen es weiterverwendet werden darf.
Zugänglichkeit
Öffentlich finanzierte Hochschulseite, WCAG 2.1 AA. Sichtbarer Fokus, echte Dokumentstruktur, vollständige Tastaturbedienung. Zu jeder Aufnahme gehört ein Transkript oder eine Zusammenfassung. Kein Inhalt darf nur über das Ohr oder nur über die Maus erreichbar sein.
Sparsamkeit
Kein Konto, keine Anmeldung, keine Kommentare, keine Tracking-Cookies, keine externen Schriften. Wer den Bearbeitungsstand sichern will, erzeugt einen Code und notiert ihn — gespeichert werden dann ausschließlich Häkchen. Ohne Code verlässt nichts den Browser.
Zwei Sprachen, gleichrangig
Englisch ist keine Übersetzung zweiter Klasse. Das Projekt arbeitet in einem internationalen Netzwerk, deshalb hat jede Sprache eigene Adressen, und der Umschalter führt auf dieselbe Seite. Fehlt eine Fassung, wird das benannt statt stillschweigend auf die andere Sprache ausgewichen.
Ein Angebot zum Selbststudium
Die Module sind so geschnitten, dass eines eine Seminarsitzung trägt — mit einer Angabe, wie lange es dauert, bevor man anfängt. Sie funktionieren aber auch allein am Küchentisch. Was hier liegt, ist ein Angebot, kein Kurs mit Anwesenheitspflicht.