Paul Tillich
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Modul 01

Das Religionsverständnis von Paul Tillich

Bearbeitungsdauer

90 Min.

Material

Video + PDF

Übersicht

Dieses Modul bietet eine Einführung zum Religionsverständnis Paul Tillichs. Dazu wird ein popkultureller Einstieg gewählt, der unabhängig von Tillich ermöglicht, eigene Definitionen von Religion, Theologie und Gott zu entwickeln.

Kompetenzen

  • Die Bearbeitenden erhalten Überblickswissen über das Religionsverständnis Paul Tillichs, insbesondere seine „Theologie der Kultur“.

Lernteil

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Musikvideo von Joan Osborne: „One of Us“

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Materialien

PDF · M1Liberale Theologie
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Das Religionsverständnis von Paul Tillich I. LIBERALE THEOLOGIE Paul Tillich und die Liberale Theologie Liberale Theologie Als Liberale Theologie bezeichnet man eine Richtung der Theologie, die sich Glaubensfragen vom Ausgangspunkt des menschlichen Geistes und unter den Vorzeichen der Naturwissenschaften nähert. Liberale Theologie ist ein Ende des 18. Jahrhunderts aufkommender Begriff für eine “aufgeklärte” Richtung der evangelischen Theologie, die Christentum und Religionen im allgemeinen als vernünftig und nützlich aufzeigen und die Vereinbarkeit des mündigen Glaubens mit dem menschlichen Freiheitsanspruch nachweisen wollte. Die […] bis zur Gegenwart einflussreiche Liberale Theologie betont die Praxis der Nächstenliebe und verlangt die Verwirklichung der Herrschaft Gottes in einer veränderten Gesellschaft […] Ein folgenreiches Ergebnis der Liberalen Theologie war die weit verbreitete, zum Teil extreme Bibelkritik. Das Erbe der liberalen Impulse im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebt in einer positiven Bewertung der nichtchristlichen Religionen, in der Bejahung moderner Kultur und Gesellschaftsformen, in Zurückhaltung gegenüber dogmatischen Ansprüchen und in der Suche nach der Überbrückung konfessioneller Gegensätze weiter.

(Vorgrimler 2020)

Quellen/Literaturhinweise VORGRIMLER, HERBERT, Art. Liberale Theologie (2020). In: Herder Theologie & Pastoral, abrufbar unter https://www.herder.de/theologie-pastoral/systematischetheologie/liberale-theologie/.

JAN CHRISTIAN PINSCH 3

PDF · M2Sehnsucht nach Transzendenz bei allen Menschen?
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Das Religionsverständnis von Paul Tillich II. SEHNSUCHT NACH TRANSZENDENZ BEI ALLEN MENSCHEN? Maslowsche Bedürfnishierarchie • Ansatz des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow • Hierarchie menschlicher Bedürfnisse in mehreren Stufen, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen • Erste Gruppe der „Defizitbedürfnisse“: Körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit und soziale Beziehungen • Zweite Gruppe der „Wachstumsbedürfnisse“: Individualbedürfnisse, kognitive und ästhetische Bedürfnisse, Selbstverwirklichung (Ausschöpfung des eigenen Potenzials) • Ab 1970 im Zuge einer Erweiterung des Modells: Transzendenz als oberste Stufe

(Kubik 2011, 181f.)

Sehnsucht nach Transzendenz bei allen Menschen? Transzendenz Transzendenz (lateinisch = das Überschreiten) ist ein zentraler Begriff eines Seinsdenkens, das in Theologie und Anthropologie unentbehrlich ist. Er ergibt sich aus einer Analyse des menschlichen Erkennens und Wollens: Ein Mensch begreift in seiner Fähigkeit des Erkennens und Wollens (Liebens) das ihm begegnende Einzelne nur im „Vorgriff“ auf das Sein überhaupt. Somit gründen jede Erkenntnis und jedes bewusste Wollen in einem mit-bewussten, „unthematischen“ Wissen um das Sein schlechthin, zu dem (wenn das Sein als schlechthin alles umfassend gedacht wird) ein Wissen um das Geheimnis, um Gott, um Geist und um Freiheit gehört, auch wenn dieses Wissen nicht ausdrücklich thematisiert wird. Die so verstandene Transzendentalität des menschlichen Geistes ist Voraussetzung und Grund der Person, der Verantwortung, der religiösen Erfahrung (bis hin zur Mystik) und der Möglichkeit der Selbstmitteilung Gottes in seiner Gnade und in seiner Offenbarung.  Transzendenz jenseits der Erfahrung; Ontologie der Scholastik: Höchste Transzendenz bei Gott

(Vorgrimler 2021)

Von Maslow zu Tillich

Maslow zufolge steckt in jedem Menschen eine Sehnsucht nach Transzendenz

Wenn dies angenommen werden kann, wird es klar, warum es für die Macher*innen von Werbeanzeigen attraktiv ist, diese mit religiösen Symbolen zu gestalten

An dieser Stelle kommt Paul Tillichs „Theologie der Kultur“ ins Spiel und seine Idee der „Religion als Funktion des menschlichen Geistes“

Quellen/Literaturhinweise KUBIK, JOHANNES, Was ist Religion? Anregungen zu einer wahrnehmungskompetenzorientierten Unterrichtssequenz, in: Loccumer Pelikan 4/2011, 179-184.

VORGRIMLER, HERBERT, Art. Transzendenz (2021), in: Herder Theologie & Pastoral, abrufbar unter https://www.herder.de/theologie-pastoral/systematischetheologie/liberale-theologie/.

PDF · M4Tillich, Paul, Religion als eine Funktion des menschlichen Geistes? (1955), in: Loccumer Pelikan 4/2011, 185f.
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M 2: Paul Tillich: Religion als eine Funktion des menschlichen Geistes? (1955)

Beide, sowohl die theologischen wie die wissenschaftlichen Kritiker der Behauptung, dass die Religion eine Funktion des menschlichen Geistes sei, definieren die Religion als das Verhältnis des Menschen zu göttlichen Wesen, nur dass die theologischen Kritiker deren Existenz bejahen und die wissenschaftlichen sie leugnen. Eben dieser Religionsbegriff ist es jedoch, der einem wirklichen Verständnis der Religion im Wege steht. Beginnt man mit der Frage nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes, kann man Gott niemals erreichen. Und wenn man die Existenz Gottes behauptet, kann man ihn noch weniger erreichen, als wenn man seine Existenz leugnet. Ein Gott, über dessen Existenz oder Nicht-Existenz man streiten kann, ist im Universum existierender Dinge ein Ding neben anderen Dingen. Und es ist durchaus gerechtfertigt, nach der Existenz eines solchen Dinges zu fragen, und ebenso gerechtfertigt ist die Antwort, dass es nicht existiert. Bedauerlich ist, dass die Wissenschaftler glauben, die Religion widerlegt zu haben, wenn sie mit vollem Recht gezeigt haben, dass für die Existenz eines solchen Wesens keinerlei Wahrscheinlichkeit vorhanden ist. In Wirklichkeit haben sie die Religion nicht nur nicht widerlegt, sondern ihr einen großen Dienst erwiesen. Sie haben die Religion gezwungen, die überwältigende Macht des Wortes „Gott“ neu zu verstehen und zu formulieren. Unglücklicherweise begehen viele Theologen denselben Fehler. Sie beginnen ihre Verkündigung mit der Behauptung von der Existenz eines höchsten Wesens, Gott genannt, dessen autoritäre Offenbarungen ihnen zuteil geworden seien. Diese Theologen sind für die Religion gefährlicher als die Loccumer Pelikan 4/11

so genannten atheistischen Wissenschaftler. Sie tun den ersten Schritt auf dem Weg, der zwangsläufig zu dem führt, was man Atheismus nennt. Sobald Gott von den Theologen zu einem höchsten Wesen gemacht wird, das einigen Menschen Mitteilung über sich zukommen ließ, ruft das zwangsläufig den Widerstand derer hervor, die sich der Autorität dieser Mitteilung beugen sollen. […] Wenn wir sagen, dass die Religion eine Funktion des menschlichen Geistes sei, so heißt das, dass sich uns der menschliche Geist, unter einem besonderen Blickpunkt betrachtet, als religiös darstellt. Was für ein Blickpunkt ist das? Es ist der, von dem aus wir in die Tiefe des menschlichen Geisteslebens blicken können. Die Religion ist keine spezielle Funktion, sie ist die Dimension der Tiefe in allen Funktionen des menschlichen Geisteslebens. Aus dieser Behauptung ergeben sich für die Interpretation der Religion weitreichende Folgerungen, und jeder der in ihr verwandten Begriffe bedarf der Erläuterung. Die Religion ist keine besondere Funktion des Geisteslebens! Aus der geschichtlichen Entwicklung lernen wir, wie die Religion von einer geistigen Funktion zur anderen wandert, um eine Heimat zu finden, und wie sie abgewiesen oder verschlungen wird. So kommt die Religion zur ethischen Funktion und klopft an, überzeugt, dass man sie empfangen wird. Sind nicht das Ethische und das Religiöse am nächsten miteinander verwandt? Wie kann man die Religion abweisen? Und tatsächlich wird die Religion nicht abgewiesen, sondern aufgenommen. Aber man nimmt sie als „arme Verwandte“ auf, und um sich ihre Stelle im Reich des Sittlichen zu verdienen, soll sie der Sittlichkeit

praktisch

Paul Tillich (1886-1965) ist einer der bedeutendsten evangelischen Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Er war der erste nicht-jüdische Professor, der 1933 vor den Nazis emigrierte. In den USA wurde er bald der bekannteste Theologe. Er hielt Gastvorträge in aller Welt und war wegen seiner offenen Haltung bei vielen Menschen sehr beliebt. In dem folgenden Ausschnitt aus dem kurzen Aufsatz „Religion als eine Funktion des menschlichen Geistes?“ von 1955 geht er auf die Frage ein, in welcher der „Geistesfunktionen“ (gemeint sind Handeln, Denken, Kunst) die Religion verortet werden muss. Dazu bemerkt er zunächst, dass an der These, Religion gehöre zum menschlichen Geistesleben dazu, von gegensätzlichen Seiten aus Kritik angebracht wird: 1. Eine bestimmte theologische Richtung behauptet, Religion – verstanden als Verhältnis des Menschen zu Gott – sei gar keine Möglichkeit des Menschen, sondern umgekehrt müsse Gott auf den Menschen zukommen. 2. Und eine bestimmte naturwissenschaftliche Richtung behauptet, Religion – ebenfalls verstanden als Verhältnis des Menschen zu Gott – habe nach dem Siegeszug der Naturwissenschaften schlicht ausgedient.

praktisch

dienen. Solange sie mithilft, gute Bürger, gute Ehegatten und Kinder, gute Angestellte, Beamte und Soldaten zu schaffen, wird sie geduldet. In dem Augenblick aber, in dem die Religion einen eigenen Anspruch stellt, bringt man sie entweder zum Schweigen oder wirft sie als überflüssig oder gefährlich für die Moral hinaus. Wieder hält die Religion Ausschau nach einer Funktion im Geistes leben, und diesmal wird sie von der Funktion des Erkennens angezogen. Die der Religion eigentümliche Art der Erkenntnis – mythologische Phantasie oder mystische Schau – scheint ihr ein Heimatrecht zu verleihen. Wieder wird die Religion aufgenommen, aber sie muss sich der „reinen Erkenntnis“ unterordnen und wird nur für kurze Zeit geduldet. Erstarkt durch den ungeheuren Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit, widerruft die „reine Erkenntnis“ bald ihre nur mit halbem Herzen vollzogene Aufnahme der Religion und erklärt, die Religion habe mit der Erkenntnis nichts zu schaffen. Wiederum ist die Religion im menschlichen Geistesleben ohne Heimat. Sie sucht nach einer anderen Funktion des Geistes, der sie sich anschließen könnte. Sie findet sie in der ästhetischen Funktion. Warum sollte sie nicht innerhalb der künstlerisch–schöpferischen Produktivität des Menschen einen Platz finden? so fragt sich die Religion durch den Mund der Religionsphilosophen. Und durch den Mund vieler Künstler, toter und lebender, antwortet das Reich der Kunst mit einem begeisterten Ja; die Religion wird nicht nur eingeladen sich anzuschließen, sie soll darüber hinaus anerkennen, dass die Kunst Religion sei. Aber jetzt ist es die Religion, die zögert. Ist nicht die Kunst ein Ausdruck der Begegnung des Künstlers mit dem Seienden, während Religion das Seiende verwandeln will? Und lebt nicht alle Kunst im Bild frei von den Zwängen der alltäglich begegnenden Wirklichkeit? Die Religion entsinnt sich ihrer einstigen Beziehungen zum Reich der Ethik und Erkenntnis, zum Guten und Wahren, und sie widersteht der Versuchung, sich in Kunst aufzulösen. Aber wohin könnte die Religion sich noch wenden? Das ganze Feld des Geisteslebens ist besetzt, und kein Teilgebiet will der Religion einen angemessenen Platz einräumen. So wendet sich die Religion zu dem, was jede Tätigkeit des Menschen und jede Funktion des Geisteslebens begleitet, zu dem, was man Gefühl nennt. Religion als Gefühl – das scheint ihrem Umherirren ein Ende zu setzen. Und dieses Ende wird von

all denen beifällig begrüßt, die nicht wünschen, dass sich die Religion in das Reich der Ethik und der Erkenntnis einmischt. Ist die Religion in das Reich der bloßen Gefühle verbannt, dann hört sie auf, dem Denken und Handeln des Menschen gefährlich zu sein. Aber, muss ergänzt werden, sie verliert auch ihren Ernst, ihre Wahrheit und ihren letzten Sinn. In der Atmosphäre der reinen Subjektivität des Gefühls, ohne ein bestimmtes Objekt der Emotion, ohne einen letzten Inhalt geht die Religion zugrunde. Auf die Frage nach der Religion als einer Funktion des menschlichen Geistes ist also auch das keine Antwort. In dieser Situation – ohne Heimat, ohne einen Ort zum Verweilen – erkennt die Religion plötzlich, dass sie einen solchen Ort nicht braucht, dass sie gar nicht nach einer Heimat suchen muss. Sie ist überall zu Haus, nämlich in der Tiefe aller Funktionen des menschlichen Geisteslebens. Die Religion ist die Tiefendimension, sie ist die Dimension der Tiefe in der Totalität des menschlichen Geistes. Was bedeutet diese Metapher der Tiefe? Sie bedeutet, dass die religiöse Dimension auf dasjenige im menschlichen Geistesleben hinweist, das letztlich, unendlich, unbedingt ist. Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes das, was uns unbedingt angeht. Und das, was uns unbedingt angeht, manifestiert sich in allen schöpferischen Funktionen des menschlichen Geistes. Es wird offenbar in der Sphäre des Ethischen als der unbedingte Ernst der ethischen Forderung; verwirft man die Religion im Namen der ethischen Funktion des menschlichen Geistes, so verwirft man die Religion im Namen der Religion. Das, was uns unbedingt angeht, wird offenbar in dem Reich des Erkennens als das leidenschaftliche Verlangen nach letzter Realität; verwirft man die Religion im Namen der Erkenntnisfunktion des menschlichen Geistes, so verwirft man die Religion im Namen der Religion. Das, was uns unbedingt angeht, wird offenbar in der ästhetischen Funktion des menschlichen Geistes als die unendliche Sehnsucht nach dem Ausdruck des letzten Sinnes; verwirft man die Religion im Namen der ästhetischen Funktion des menschlichen Geistes, so verwirft man die Religion im Namen der Religion. Man kann die Religion nicht mit letztem Ernst verwerfen, weil der Ernst oder das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht, selbst Religion ist. Die Religion ist die Substanz der Grund und die Tiefe des menschlichen Geisteslebens. Das ist die religiöse Dimension des menschlichen Geistes.

aus: P. Tillich, Gesammelte Werke, Band 5. Stuttgart 1964, S. 37-42, hier 38-41 Loccumer Pelikan 4/11

Herkunft

Erstellt von

Jan Christian Pinsch, Universität Paderborn, in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Evangelische Theologie II der Universität Würzburg.

Stand

Überarbeitete Fassung, 2026.

Rechte

Texte CC BY-SA 4.0, soweit nicht anders angegeben.

Bildnachweis

Studioporträt Paul Tillichs im Halbprofil, mit Brille, vor dunklem Grund. Privataufnahme der Familie Tillich/Farris. Familienbestand Ted Farris, zur Verfügung gestellt für dieses Projekt. Mit ausdrücklicher Erlaubnis von Ted Farris. Keine Weiterverwendung außerhalb dieser Plattform ohne seine Zustimmung.