Modul 08
Auf der Grenze
Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis
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Bearbeitungsdauer
180 - 240 Minuten
Material
Text
Übersicht
Das Modul bietet eine Einführung in Tillichs Text "Auf der Grenze" mithilfe eines Videos.
Kompetenzen
- Sie können erklären, was Tillich meint, wenn er die Grenze als den „eigentlich fruchtbaren Ort der Erkenntnis“ bezeichnet, und diese Aussage von einem bloß biographischen Verständnis unterscheiden.
- Sie können mindestens vier der Grenzen benennen, die Tillich in seiner autobiographischen Betrachtung durchgeht, und an einem Beispiel zeigen, wie sie sein Denken geprägt haben.
- Sie können die Grenzmetapher auf eigene Erfahrungen von Zwischenstellung übertragen und kritisch prüfen, wo sie trägt und wo sie beschönigt.
Lernteil
1936, drei Jahre nach der Suspendierung vom Frankfurter Lehrstuhl und der Übersiedlung nach New York, schreibt Paul Tillich eine kurze autobiographische Betrachtung. Sie erscheint zunächst auf Englisch als Eröffnung von “The Interpretation of History”, später unter dem deutschen Titel “Auf der Grenze”. Der Text ist keine Lebenserzählung im gewohnten Sinn. Tillich geht nicht die Jahre entlang, sondern die Grenzen: zwischen zwei Temperamenten, zwischen Stadt und Land, zwischen Theologie und Philosophie, zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Heimat und Fremde. Jede dieser Grenzen bekommt einen eigenen Abschnitt.
Der Satz, der das Ganze zusammenhält, steht gleich am Anfang: Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis. Er ist mehr als eine biographische Selbstbeschreibung. Tillich formuliert damit eine erkenntnistheoretische These. Wer ganz in einem Gebiet steht, sieht dessen Voraussetzungen nicht mehr; sie sind ihm selbstverständlich geworden. Erst wer zwischen zwei Gebieten steht und zu keinem ganz gehört, nimmt wahr, dass beide Gebiete Grenzen haben. Das ist unbequem — Tillich beschreibt die Grenzexistenz ausdrücklich nicht als behaglichen Kompromissplatz, sondern als Spannung, die man aushalten muss.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Die Zwischenstellung, die Tillich hier als produktiv deutet, hat er sich in ihrer schärfsten Form nicht ausgesucht. Die Grenze zwischen Deutschland und Amerika war eine erzwungene. Der Text verwandelt eine Verlusterfahrung in eine Denkfigur, und genau daran lässt sich fragen: Wie weit trägt eine solche Deutung, und wo beginnt sie, ein Unglück nachträglich zu veredeln?
Für die Beschäftigung mit Tillich ist der Text ein guter Einstieg, weil sich fast alle Themen seines Werks hier im Umriss finden — die Theologie der Kultur, das Verhältnis von Glaube und Zweifel, der religiöse Sozialismus, die Frage nach dem Verhältnis von Christentum und anderen Religionen. Sie erscheinen nicht als Lehrstücke, sondern als Stellen, an denen jemand nicht weiterkam, ohne beide Seiten zu berücksichtigen.
Thomas Weiß in einem Kurzvortrag zu “Auf der Grenze”.
Der Satz in der Mitte
Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis
Aufgaben – Hinweis
Hier finden Sie Aufgaben zur Vertiefung sowie Bearbeitungshinweise.
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Herkunft
Erstellt von
Thomas Weiß
Stand
Fassung 2017.
Rechte
paultillich.de / NeoLecture
Bildnachweis
St. Patrick's Cathedral in New York. Wikimedia Commons, 18. Juni 2006. Freie Lizenz — Urheber und genaue Lizenzfassung sind vor Veröffentlichung aus der Dateibeschreibungsseite zu übernehmen.